Horror Handarbeit

„Schau mal, was ich für dich gestrickt habe!“

(Bild: Lady Ramone)
Haben wir diesen Satz nicht alle schon eimal gehört? Kratzige Socken, Schals in Un-Farben oder das Häkeldeckchen für das wirklich niemand eine Verwendung hat. Wer so richtig Pech hatte, der musste sich in der Schule im Unterricht die Finger verknoten. Zum Teil jahrelang. Mindestens einmal in der Woche die absolute Folter: stricken, häkeln, sticken, knüpfen... Die Methoden sind vielfältig und verletzen sicherlich die Genfer Konvention.


Was aber ist mit denjenigen los, die freiwillig die Stricknadeln in die Hand nehmen - und das obwohl sie die gleichen Qualen in der Kindheit erlitten haben? Masochisten? Zwangshandarbeiter?
Weit gefehlt! Es kann Spaß machen. Echt jetzt. Wolle muss nicht kackbraun sein und Juckreiz auslösen. Wer etwas selbst macht, kann sich aussuchen, ob der Pulli nun unförmig ist oder nicht. Und wenn man etwas völlig Sinnfreies produzieren will, dann gibt es eine Menge weitab vom Spitzendeckchen. Viel, viel mehr als der Handarbeitsgeschädigte glauben mag. Abgefahrenes, Irres, Subversives, Nerdiges oder auch Gruseliges im besten Sinne. Du stehst auf Horrorfilme? Strick dir eine Zombie-Armee. Du liebst Fantasy-Literatur? Dann häkel doch mal Klein-Cthulhu. Du zockst gerne am Computer? Such dir ein Muster mit Space-Invaders raus.
(Bild: Lady Ramone)
Das Internet ist ein wahres El Dorado an Anleitungen, Ideen und Verrücktheiten, die
den Horror Handarbeit in ein Hobby mit Suchtcharakter verwandeln können. Uninspirierte und hausbackene Hefte am Kiosk sind passé. Die kann man getrost links liegen lassen, wenn man ein Buch namens „Creepy Cute Crochet“ im Regal stehen hat (gleich neben Clive Barker, H.P. Lovecraft und Tad Williams). O.K. man muss zwar quasi eine neue Sprache lernen und die meisten Anleitungen sind auch noch englisch, aber auch das geht recht schnell. Dann heißt es eben statt häkeln „crochet“ und man „purlt“ eine linke Masche. Was soll's. Hauptsache es wird endlich mit dem Klischee aufgeräumt, dass Stricker und Häkeltanten altbacken sind. Wie, du hörst Metal und strickst? Klar! Warum nicht? Die absolut eingefleischten Fans spinnen sogar. Nur so kann man Grenzen überschreiten. In welchem Laden würde man wohl ein „Steampunk“-Strickgarn kaufen können, wenn man eines haben will?
(Bild: Lady Ramone)
Heute schockt man doch niemanden mehr mit Hobbys wie Bungee-Jumping oder Paintball. Freeclimbing? Pah! Langweilig. Gepierced, Tättowiert? Öde. Aber sitzt man strickend in einem Café klappen ratz-fatz die Kinnladen nach unten und weit aufgerissene Augen starren dich an. Und man selbst sitzt grinsend da und nadelt weiter. Eine rechts, Eine links und so weiter, bis das Monster fertig ist. Ein bisschen wie Frankenstein - nur mit Wolle...

Text: LadyRamone Bilder: LadyRamone/Hannah Simpson
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