Fremd
Der „Schwarze
Schmetterling“ ist zum Symbol für Asp geworden, die letzten Alben
von ASP haben sich mit dem Zyklus eben jenes schwarzen Schmetterlings
beschäftigt und haben seine Metamorphose beschrieben. Welche
Metamorphosen haben ASP in all der Zeit durchgemacht?
In erster Linie natürlich die
offensichtlichen: Das Alter geht an uns allen und auch an mir nicht
spurlos vorbei. Das macht mir aber keine Angst, denn für mich gäbe
es nichts Erschreckenderes, als noch mal Sechzehn sein zu müssen. Es
waren aber natürlich auch künstlerische Metamorphosen. Der
„Schwarze Schmetterling“ hat uns viele Jahre begleitet, aber
jetzt habe ich das Gefühl, an einem Punkt angelangt zu sein, an dem
man etwas Neues wagt und auf den alles die ganze Zeit hingeführt
hat. Die Pläne für die neue Erzählung sind tatsächlich schon
entstanden, während der „Schwarze Schmetterling“ geschrieben
wurde. Das hat ein bisschen was von einer Verpuppung, wie bei einem
Schmetterling. Jetzt wird der Kokon aufbrechen und man wird sehen,
was dabei herauskommt.
Mit dem neuen Album „Fremd“
beginnt für ASP ein neuer Schaffenszyklus, die Metamorphose des
Schmetterlings ist vollzogen. Eine Nachricht, die viele Fans sicher
mit Spannung, vielleicht sogar mit etwas Verunsicherung aufgenommen
haben. Was erwartet den Hörer?
Eine Gratwanderung zwischen dem Fremden
und dem Bekannten. Es wäre unglaublich leicht, betretene Pfade immer
weiter zu gehen und durch Gewohntes das Publikum auf seiner Seite zu
behalten. Aber deswegen habe ich nicht angefangen, Musik und Texte zu
schreiben. Ich möchte etwas in den Hörern bewirken, und das kann
man nur, indem man immer wieder Neues probiert und eine Hürde
aufbaut, die zunächst einmal überwunden werden muss, um Zugang zu
finden. Was sich wie ein roter Faden durch das gesamte neue Album
zieht, ist Melancholie in allen Schattierungen und Ausdrucksformen.
Es ist es ein sehr persönliches Album geworden, gleichzeitig aber
auch eine fantastische Erzählung.
Mit der Single „Wechselbalg“
wurde der neue Zyklus eingeläutet. Kannst du ein paar Worte zur
Single und ihrer Bedeutung sagen?
Ich sehe Singles generell immer mit
gemischten Gefühlen, weil es bei einer vielseitigen Band wie uns
völlig unmöglich ist, mit wenigen Songs einen Ausblick auf das zu
geben, was kommen wird. „Wechselbalg“ drückt sehr gut die
Energie und Euphorie aus, die Lutz Demmler und mich beflügelt hat,
das neue Album anzugehen. „Angstkathedrale“ ist ein völlig
anderer, sehr epischer Song, der wie ein unglaublich verzweigtes
Gebäude klingt und ASP auf eine düstere und beinahe schon doomige
Art neu interpretiert. Wenn man diese beiden Songs, die auch auf dem
Album sind, gehört hat, weiß man noch nichts über die Platte, denn
alle anderen Songs werden wieder ganz anders sein. Und darauf sind
wir auch ein bisschen stolz.
Wie hast du die Geburt des
„Wechselbalg“ erlebt – schmerzvoll oder als schöne,
beflügelnde Zeit im Studio?
Es war sicher beides. Schmerzvoll, weil
ich irgendwann gemerkt habe, dass die Kunst ein wenig auf der Strecke
bleibt, wenn man jeden Tag das ganze Drumherum managen muss. Weil man
darüber auch vergisst, auf sich selbst Acht zu geben, führte es bei
mir zu einem sehr unschönen Burnout-Syndrom, wodurch klar wurde,
dass sich ganz dringend einige Dinge im alltäglichen Musikerleben
ändern müssen. Es waren einige unglaublich schmerzhafte
Entscheidungen zu treffen, ohne die diese Band aber nicht hätte
überleben können. Das alles ging Hand in Hand mit ebenfalls sehr
schmerzhaften Selbstfindungen und vielen Gedanken dazu, wie ich mich
künstlerisch definiere. Es ist noch ein sehr langer und steiniger
Weg, aber ich sehe eine sehr schöne Perspektive und bin unheimlich
glücklich mit dem neuen Album. Und es ist völlig egal, ob
irgendjemand dieses Album haben möchte – ich möchte es haben, und
das bedeutet mir unfassbar viel.
„Fremd“ beschäftigt sich damit,
anders zu sein, fremd inmitten einer Welt. Ein Thema, das ganz sicher
aktueller denn je ist. Inwiefern ist es vielleicht sogar sehr positiv
zu bewerten?
Das Anderssein ist immer eine Chance,
eine Keimzelle für neue Gedanken und Ideen. Das sich Fremdfühlen in
einer Gesellschaft fördert auch das Hinterfragen von Bestehendem,
von Traditionen und ruft letztendlich Veränderungen hervor. Für
mich ist dieses sich Fremdfühlen ein beinahe unerschöpfliches
Thema, weil ich mich in dieser Welt und in dieser Gesellschaft immer
schon fremd gefühlt habe. Mir macht auch sehr zu schaffen, dass wir
in einer immer kälteren und härter werdenden Welt leben. Ich fühle
mich fremd in einer Welt, in der ich mir ständig bewusst bin, welch
schreckliche Dinge Menschen anderen Menschen antun. Ich habe in
meiner Musik noch nicht eine Horrorstory erzählt, die auch nur
annähernd so schlimm ist wie das, was Menschen anderen Menschen
antun können.
Die Gothic-Szene ist eine doch sehr
erfolgreiche Subkultur, der sich immer mehr Menschen zugehörig
fühlen. Veranlasst unsere Gesellschaft zunehmend mehr Menschen dazu,
sich fremd zu fühlen?
Musikalisch wird die Gothic-Szene immer
offener und findet dadurch auch Zulauf aus ganz anderen Bereichen –
was ich grundsätzlich nicht verwerflich, sondern eher angenehm
finde, denn es zeichnet gerade diese Szene aus, einen offenen Geist
und ein offenes Herz zu besitzen. An der gesellschaftlichen Akzeptanz
hat sich trotzdem rein gar nichts geändert. Das sehe ich allein
schon an der Reaktion meiner Mitmenschen, die mich offenkundig sehr
merkwürdig finden, wenn sie mir in meiner normalen schwarzen
Straßenkleidung begegnen. Schwarze Kleidung oder die Art sich zu
schminken, wie es Gothics gerne tun, besitzt immer noch einen
ausgeprägten Exotenstatus. Es wird als Provokation empfunden, und
das soll auch so sein. Obwohl wir schon sehr lange Musik machen, hat
es für mich immer noch etwas sehr Rebellisches. Diese Rebellion zu
leben und auch durch das Aussehen zum Ausdruck zu bringen, halte ich
immer noch für einen sehr guten Weg. Denn es sind immer die
Angepassten und Unauffälligen, bei denen sich oft herausstellt, das
irgendwas nicht stimmt. Kann das Zufall sein?
Wie können wir mit dem „Fremdsein“
umgehen?
Mehr über sich nachzudenken und sich
seiner selbst bewusst zu sein, ist der erste Schritt. Man investiert
so unglaublich viel in alle Bereiche des Lebens und der Forschung,
wir sind unglaublich weit gekommen und haben technische
Möglichkeiten, die sich so schnell weiterentwickeln, dass wir sie
gar nicht mehr begreifen können. Aber in Bezug auf die Innenschau
und vielleicht auch die Weiterentwicklung des Seelenlebens, fühle
ich eher noch das finstere Mittelalter in uns, und nicht die hoch
technisierte Welt in der wir leben.
Text und Bild: Band

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